Über die Freiheit
Vor etlichen Jahren habe ich mal einen Radiobeitrag gehört, in dem davon berichtet wurde, dass die Brandenburgischen Alleen aufgrund der Zahl der Verkehrsunfälle nunmehr "von ihren Bäumen befreit" werden sollen. Damals habe ich gelacht. Es hat mich natürlich geärgert, dass hier uralte Bäumbestände der Unfähigkeit einzelner Verkehrsteilnehmer zum Opfer fallen, aber der verschwurbelte Euphemismus, in den dieser Umstand gekleidet wurde, hat mich dann doch amüsiert.
Heute lache ich nicht mehr. Denn in den letzten Jahren muss ich immer häufiger an die Brandenburgischen Alleen denken. Bei jedem neuen Verbot, bei jeder neuen Einschränkung der Freiheit, bei jeder neuen "Bedrohung", die ins Visier genommen wird und sei sie noch so klein und herbeigeredet.
Freiheit wird immer mehr zur "Freiheit von".
Und wieder ist es ein Radiobeitrag, der mich zu diesem Thema zurückführt. Diesmal ist es Beitrag von Stephan Hebel in der Sendung "Ortszeit: Politisches Feuilleton" auf Deutschlandradio Kultur, der sich mit dem Verbot der Blockupy-Demonstrationen in Frankfurt beschäftigt.
Die Polizei in Frankfurt am Main hat sich dieser Tage Gedanken über eine Demonstration gemacht. In einem Akt unwiderstehlicher Wahrheitsfindung sagte sie Folgendes voraus. Zitat: "So werden Bürger mit Meinungen konfrontiert, denen sie nicht oder nur schwer ausweichen können." Zitat Ende.
So wandelt sich die Meinungsfreiheit in "die Freiheit der Bürger von Meinungen, die sie vielleicht nicht hören wollen."
Wir schätzen die Illusion von Sicherheit höher als die Freiheit.
Immer mehr ist von Gefahren die Rede, vor denen der Bürger geschützt werden muss, und immer weniger von den Möglichkeiten, die der Bürger nutzen kann, um erfolgreich zu handeln. Gefahren werden mit Verboten beantwortet, die suggerieren sollen, dass der Staat für unsere Sicherheit sorgt. Interessanterweise betrifft dies meist nicht die Gefahren, die für alle Bürger relevant sind oder werden können: Gefahren wie mangelnde Gesundheitsversorgung, Arbeitslosigkeit, Altersarmut, mangelnder Zugang zu Bildung und der Möglichkeit, seine eigene Perspektive selbst verbessern zu können.
Stattdessen geht es um "das Internet" als angeblich rechtsfreier Raum, das in der Tat sehr viele Möglichkeiten bietet im positiven Sinne zu handeln, sei als Bürger, als Marktteilnehmer oder einfach als Nachbar. Oder es geht um "die Jugendkriminalität", wobei man nicht erfährt, welche Straftaten hier gemeint sind und gern verschwiegen wird, dass die Zahlen in diesem Bereich seit Jahren rückläufig sind. Nun soll auch noch der Fußball vor seinen Fans "geschützt" werden, wobei euphorisierte Düsseldorfer Hausfrauen sich in einem Topf mit Bengalos und Gewaltverbrechern wiederfinden. Wenn ein Hinterbänkler auch mal in die Zeitung will, braucht er sich nur ein passendes Verbot zurechtzulegen. Möglichst eines aus einem Bereich, das so gut wie niemanden betrifft. Gotcha-Spiele zum Beispiel. Sich gegenseitig mit Farbkugeln zu beschießen, das macht fast gar keiner, und wenn solche Leute sich dann aufregen, halten alle anderen sie ob ihres bizarren Hobbys eh für total beknackt.
Früher hieß Erwachsensein Freiheit, heute heißt es relative Sicherheit.
Irgendwie mögen wir das. Der Staat, der seine schützende Hand über uns hält. Denn der Staat, das sind ja nicht wir. Wir bleiben lieber Kinder gemeinsam mit unseren eigenen Eltern. Ist ja auch so schön gemütlich. Klar zahlen wir Steuern, aber nicht als Beitrag zu einer Gemeinschaft, der wir selbst als Mitglieder angehören, sonder eher als eine Art Service Fee. Ist ja auch klar, die Straße muss ja irgendwie asphaltiert werden. Aus dem eigenen Erleben kennen wir vielleicht den permanenten Umbruch, das Auf und Ab der Konjunktur, gerade noch Diplomstudiengang, jetzt Bachelor, eben noch Facharbeiter, plötzlich in der Leiharbeit. Das verunsichert uns. Mehr aber auch nicht. Eine echte Krise, die Handeln erzwingt und in der es notwendig wird, die eigene Freiheit gemeinsam mit Leib und Leben zu verteidigen, kennen wir gottlob nicht. Wie man Freiheit in Abwesenheit von Krieg in einer Zivilgesellschaft ergolgreich verteidigt ohne ihre Prinzipien gleichsam ad absurdum zu führen, wissen wir nicht.
Und damit dieser Artikel nicht so trostlos endet, hier noch der Link zur Volksinitiative "Rettet Brandenburgs Allen".
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